Corona: Zeit ohne Berührung?

Corona zwingt viele Menschen zur Distanz. Das hat Folgen, denn Menschen brauchen Berührung. Die körperliche Berührung ist ein grundlegendes menschliches Bedürfnis. In der Bedürfnispyramide des US-amerikanischen Psychologen Abraham Maslow bauen alle anderen Bedürfnisse darauf auf. Der Transaktionsanalytiker Eric Berne hat das Bedürfnis nach Stimulierung – und damit ist nicht nur ein Hunger nach Reiz und Sinn, sondern vor allem auch die physische Berührung gemeint – gleichgesetzt mit dem Bedürfnis nach Zuwendung und Anerkennung und dem nach Struktur. Sowohl Maslow als auch Berne wussten, dass das Fehlen physischer Nähe Folgen für die seelische und körperliche Gesundheit hat.

In diesen Tagen ging die Geschichte eines 84jährigen Mannes durch die Presse, der seine im Pflegeheim lebende Frau nicht sehen durfte. Er vermisst sie schmerzlich. Wie ihm geht es vielen: Keinen Kontakt zu haben mit Menschen, die man liebt; nicht berühren zu können, um Trost zu spenden oder seine Zuneigung zu zeigen, das ist schwer. Die Tränen dieses alten Mannes zu sehen, berührte viele und offenbarte unsere Not. Ein großer Liebeskummer zieht sich durch die Welt. Berührungen sind intim und individuell und brauchen jetzt durch Bürokratisierung eine neue Kultur. Überall auf der Welt. Dass das sein muss, ist nachvollziehbar. Und irgendwie surreal.

Berührung macht stark

Der Psychologe Harry Harlow erforschte in den 1950-Jahren die Mutter-Kind-Bindung, indem er Affenbabys von der Mutter trennte und sie wählen ließ: Sie konnten entweder zu einer milchspendenden Metallpuppe gehen, die weder weich noch warm war oder zu einer Affenattrappe aus Stoff. Die Äffchen nahmen die Milchspenderpuppe nicht als Affenmutter wahr und schmiegten sich sofort nach der nötigen Nahrungsaufnahme an das Stoffpüppchen.

Dieses – ja, etwas unethische – Experiment zeigt: Ein Lebewesen braucht Nahrung und Körperkontakt, um zu überleben. Babys suchen Sicherheit, Schutz, Berührung und Halt.

Bindungen leben von Berührung, Berührung schafft Nähe. In der Heilkunst ist die Berührung zentral: Das Handauflegen ist eine der ältesten Heilmethoden überhaupt, denn es löst u.a. emotionale Spannungen. Auch Jesus soll Kranke durch Berührung geheilt haben. Heute weiß man: Bei einer Umarmung produziert der Körper unter anderen das Liebeshormon  Oxytocin, es stärkt nicht nur das Vertrauen und die Bindung zwischen Menschen, sondern es schützt vor Angst und emotionalem Stress. Professor Sander Koole gab 2013 eine Studie zur psychosozialen Wirkung von Berührungen heraus: „The human touch that means so much.“ Ein Ergebnis diese Studie zeigt sehr deutlich: Oxytocin stärkt unsere Abwehr gegen Krankheiten.

Ich berühre, also bin ich!

Der Philosoph Wilhelm Schmid modifizierte den berühmten Satz von René Descartes: „Ich denke, also bin ich“ (Cogito Ergo Sum); der Kern des Menschseins sei eher: „Ich berühre, ich werde berührt, also bin ich“ (Tango tangor ergo sum).

Schmid schlägt vor „vielleicht etwas von der cartesianischen Formulierung abzugehen, ‚ich denke, also bin ich‘. Nur weil ich denke, heißt das, bin ich, lebe ich überhaupt. Das kann nicht stimmen! Wenn ich keinen Körper hätte, dann könnte ich nicht denken und also auch nicht sein. Dem muss also was zugrunde liegen. Und das erfahren wir mit der körperlichen Berührung, sodass wir vielleicht besser formulieren würden: Ich berühre, also bin ich.“

Hören wir also auf zu sein, wenn wir nicht mehr berührt werden und nicht mehr berühren dürfen? Wie überstehen wir diese Zeit, wenn wir nur noch über Distanzen hinweg miteinander umgehen? Sind wir dann überhaupt noch jemand?

Unsere Corona Erfahrung ist physisch, sie stellt die Beziehung zu unserem eigenen und zu einem fremden Körper infrage. Die Sehnsucht nach Berührungen und Kontakt bleibt.

Das ändert nichts daran, dass wir sorgsam mit den Corona-Sicherheitsbestimmungen umgehen und weiterhin Respekt vor dem Virus haben müssen – dabei sollten wir aber keine Panik vor fremden Körpern entwickeln. Wir müssen unseren Liebeskummer aktuell noch aushalten und dürfen neue Erfahrungen machen: Zuwendung über Blicke austauschen, häufiger telefonieren, ein Lachen und auch über die Distanz ohne Umarmung noch mehr Menschlichkeit zeigen. Gegenüber Freunden, Fremden und auch gegenüber der Oma. In Corona-Zeiten.

 

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