Intuition: Gar nicht Magic!

Albert Einstein wusste: „Wenn man gar nicht gegen die Vernunft sündigt, kommt man zu überhaupt nichts.“ Ein Plädoyer für die Weisheit der menschlichen Seele. Die Intuition. Sie greift auf riesige Wissensvorräte zurück, von denen wir gar nicht wissen, dass wir über sie verfügen. So führt uns der Bauch mithilfe von Gefühlen durch die großen und kleinen Entscheidungen unseres Lebens.

Ohne es zu merken, schöpfen wir täglich aus diesem Fundus und beweisen damit, dass wir mehr wissen, als wir denken und beschreiben können. Ohne nachzudenken entscheiden wir:

  • Kann ich noch schnell über die rote Ampel flitzen oder ist es besser auf „grün“ zu warten?
  • Ein nächster toller Karriereschritt wird einem angeboten – aber irgendetwas stimmt nicht …
  • Ein Mensch, den wir gerade erst kennengelernt haben, wirkt wie lange vertraut.

Wie kommt es dazu?

Menschen können den Lernprozess des Gehirns nicht unterbrechen. Elf Millionen Sinneseindrücke in der Sekunde nehmen wir wahr. Sie bombardieren uns geradezu. Ebenso viele Sinneszellen geben Eindrücke unseres Körpers ans Gehirn weiter. Selbst wenn wir uns beim Fernsehen auf dem Sofa lümmeln, nehmen wir den Geruch des Abendessens wahr, den Druck der Polster im Rücken, Geräusche, die von außen kommen. Alles prasselt auf uns ein. Alles wird gespeichert, ohne dass es uns bewusst ist.

„Der Verstand, den Menschen einsetzen, um vermeintlich kluge Entscheidungen zu treffen, ist begrenzt und macht nur einen kleinen Teil unseres tatsächlichen Wissens aus“, sagt der amerikanische Intuitionsforscher Milton Fisher. „Dennoch handelt es sich, wenn wir eine Intuition haben, um den Abruf von Informationen, die wir irgendwann über unsere fünf Sinne wahrgenommen und gespeichert haben.“ Alle vermeintlich rationalen Entscheidungen sind auch intuitive Entscheidungen, weil sie auf unbewussten Denkprozessen gründen.

 Intuition ist nicht Magic

Ganze Forschergruppen beschäftigen sich mit diesem Thema. Wie entschlüsseln sie diese Kraft?

Einen interessanten Versuch startete der Amsterdamer Psychologe Ap Dikjsterhuis. Er erweiterte das „Poster-Experiment“ seiner Kollegen Wilson & Schooler und ließ einer Gruppe von Studierenden fünf Kunstposter bewerten.

  • Die erste Gruppe listete akribisch Für und Wider der Motive auf.
  • Die zweite entschied sich spontan.
  • Die dritte sah die Poster nur kurz, wurde dann abgelenkt und musste sofort danach ihr Lieblingsbild auswählen.

Im Anschluss wurde ihnen ihr Lieblingsposter geschenkt. Nach einiger Zeit riefen die Psychologen die Studenten an mit folgendem Ergebnis:

  • Die erste Gruppe, die die Poster analysiert hatte, war mit ihrer Wahl zum größten Teil unzufrieden.
  • Die Spontanentscheider hatten glücklich ihre Poster in den Wohnungen aufgehängt.
  • Die dritte Gruppe – die, die sich ablenken ließ – war am glücklichsten mit ihrer Wahl. Hier übernahm offensichtlich die Intuition die Bewertung und traf damit die bessere Wahl.

Kommen wir zum nächsten Versuch:

Während des Vietnamkrieges hatte der Psychiater und Transaktionsanalytiker Eric Berne täglich 200 bis 500 Soldaten und Offiziere auf ihre Tauglichkeit zu beurteilen; er sollte angeben, ob sie psychisch auffällig seien. Es standen für jeden Betreffenden nur wenige Minuten zur Verfügung. Um seine Studien zur Intuition zu überprüfen, nutzte er die Konsultationen und dachte sich zwei Fragen aus: „Sind sie nervös?“ Und: „Waren sie schon mal in psychiatrischer Behandlung?“ Zu Beginn jeder Konsultation überlegte er sich, wie wohl die jeweiligen Antworten ausfallen würden. Seine Trefferquote lag bei 90%.

Bauchentscheidungen sind nicht schlechter als die des Verstandes – nur anders. Aber zig Mal schneller! Hirnforscher belegen, dass das Unterbewusste mehrere Millionen Information pro Sekunde verarbeiten kann. Das Bewusstsein hingegen nur 0,1 Prozent.

Um es vereinfacht auszudrücken:

Das Bewusstsein kann man mit einem Spotlight vergleichen. Ein Punkt im Raum wird deutlich. Das Gesicht eines Schauspielers auf der Bühne. Ein besonderes Bild. Das bewusste Denken ist präzise und fokussiert. Das unbewusste ist eher wie ein schwaches Streulicht. Die Konturen verschwimmen. Alles wird nur ein bisschen beleuchtet. Mehr die Bühne als ein besonderes Objekt. In komplexen Situation auf jeden Fall ein Vorteil.

  • Von dem Transaktionsanalytiker Berne lernen wir: Wenn Sie in Ihrem Bereich Experte sind, dann trauen Sie Ihrem Bauch; sind Sie Laie – fordern Sie lieber Informationen an und benutzen Sie den Kopf!
  • Durch die Versuche der Psychologen Dijksterhuis & Co. erkennen wir: Je komplexer das Problem, desto klarer sieht das Unterbewusste. Der Verstand wird eher umnebelt. Besser ist es, bei komplexen Problemen auf den Bauch zu hören.

 Fünf Tipps um Intuition zu trainieren.

  • Achten Sie auf Ihr erstes Gefühl, wenn Sie eine Entscheidung treffen müssen. Und danach überprüfen Sie, ob es richtig war.
  • Lenken Sie sich ab. Wenn Sie sich mit einer Frage beschäftigt haben, machen Sie etwas ganz anderes. Geben Sie Ihrem Unterbewussten die Chance, auf seinen großen Wissensschatz zurückzugreifen.
  • Wenn Sie eine Entscheidung zu treffen haben, überlegen Sie, wie Sie sich nach einer bestimmten Entscheidung wohl fühlen werden. Wenn das Gefühl nicht schön ist, dann wissen Sie ja auch Bescheid. Ihre Zweifel waren berechtigt.
  • Trainieren Sie. Eingebungen werden besser, je öfter Sie schon ähnliche Situationen erlebt haben. Auch wenn Sie gerade nichts brauchen, fragen Sie sich immer wieder: Würde ich diese Haus mieten? Würde ich diese Stühle kaufen?
  • Üben Sie intuitive Wahrnehmung über Empathie. Trainieren Sie die Gefühle und Gedanken anderer Menschen wahrzunehmen. Das ist keine Raketenwissenschaft, sondern intuitives Wahrnehmen von Körpersprache, Mimik oder Sprache. Man könnte sagen, es ist eine gereifte Form der Empathie. Schöner Nebeneffekt: Dieses Training vertieft die Verbindung zu anderen Menschen.

Und zum Schluss ein kleiner Selbstversuch: Welche Stadt hat mehr Einwohner – San Antonio oder San Diego? Richtig: San Diego.

Das Unterbewusstsein hat sie wieder geleitet. Es sagte: „Nimm das, was du kennst!“

Der Versuch ist allerdings nicht von mir. Gerd Gigerenzer, Berliner Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, denkt sich solche Fragen aus.

 

 

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